Bye, bye Catweazle!

Geoffrey Bayldon (7. Januar 1924 – 10. Mai 2017), ein Held meiner Kindheit, ist im sagenhaften Alter von 93 Jahren verstorben: Die Nachricht ging erst heute rum. Nicht, dass man sie bemerkt hätte, wenn nicht auch der Name seines Aler Egos, mit dem er in Deutschland berühmt wurde, genannt worden wäre: Catweazle.

Die Kinder-Comedy-Serie der Früh-Siebziger war für die meisten von uns die einzige Gelegenheit, Bayldon in Aktion wahrzunehmen. In England war er präsenter, spielte in weiteren Kinderserien, zahlreiche Nebenrollen in Filmen, vor allem aber auf der Bühne – als Catweazle wurde er gecastet, weil er es als Shakespeare-Darsteller gewohnt war, sich verschroben-altertümlich auszudrücken.

Die ansonsten berühmteste Figur, die er in einem Film verkörperte, war im übrigen die des Waffen-Experten Q in der zweiten (von insgesamt drei) „Casino Royal“-Verfilmungen (1967, mit David Niven als Bond). Den Film haben selbst Bond-Fans nicht auf dem Radar, weil er „inoffiziell“ war: Casino Royal wurde außerhalb der „offiziellen“ Filmreihe verfilmt, weil es deren Produzenten nicht gelungen war, sich die Rechte an dem Buch zu sichern. Angelegt war er als Parodie der Bondschen‘ Ballerorgien. Die Zuschauer fanden leider das herkömmliche Bond-Blutbad lustiger.

Es lebe der Staatsfunk: Fortschritt und Vielfalt?

Was Fortschritt und Vielfalt in der schönen neuen TV-Welt bedeuten, ist leicht zu erklären:

– beim DVB-T alte Version bekam ich den WDR auf 5 Kanälen
– bei DVB-T2 bekomme ich den WDR auf 7 Kanälen

Zählt man die Parallel-Ausstrahlung mancher Programme auf anderen „Dritten“ der ARD mit, komme ich jetzt mitunter in den Genuss, mir auf bis zu elf Kanälen den gleichen, völlig identischen Käse anzusehen.

Jetzt mal ernsthaft: Ich bezahle bald 69 Euro im Jahr dafür, dass mir Programmvielfalt vorgegaukelt wird, die schlicht nicht existiert. Die multiplen WDR-Inkarnationen werden mit „lokalen Fenstern“ gerechtfertigt, in denen für einige Minuten  am Tag regionale Nachrichten laufen. Und für diesen Mist verstopfen die ganztätig Frequenzen, auf denen man Programmalternativen anbieten könnte.

Insgesamt finden sich im DVB-T2-Portfolio bis zu 20 öffentlich-rechtliche Sender, die fälschlich als „frei empfangbar“ angepriesen werden – in Wahrheit kosten sie mit 210 Euro „Haushaltsabgabe im Jahr dreimal so viel wie die kostenpflichtigen privaten Sender. Dafür bekomme ich dann mehrere davon aber auch mehrfach.

Toll.
Fehlt nur noch der Grimmepreis für die Nachrichten-Vorleser der Regionalfenster.

 

TV-Konsum: Alles hat(te) ein Ende

Ich habe meiner Tochter (20) gerade die Eckpunkte vergangener TV-Kultur vorgeführt: Die Zeit vor dem Programm, die „Führung“ durchs Programm durch kompetente Vorleserinnen, sowie die Zeit danach. Ans Testbild konnte sie sich noch erinnern. Für sie ist das allerdings das komische Zeichen, das auf dem Bildschirm erschien, wenn irgendwas ausfiel. Dann kam dieses bunte Ding und piepte nervig.

Für uns etwas Ältere, die die Zeit vor dem Privatfernsehen bewusst erlebt haben, sind diese Dinge mehr: Sie sind die halb vergessenen Eckpunkte und taktgebenden Signale der täglichen TV-Rituale. In den Sechzigern sendeten ARD und ZDF (die einzigen empfangbaren Sender im Westen) im Zeitfenster zwischen 10 und 12 Uhr ein Vormittagsprogramm, das fast vollständig aus Wiederholungen bestand – inklusive der Nachrichtensendungen vom Vorabend. Es folgte bis weit in die Siebziger hinein eine Sendepause bis zum Nachmittag, in der man ein Sender-Signet zu sehen bekam, sonst nichts.

Für TV-Addicts, die auf das Programm warteten, muss das wie ein Countdown gewesen sein. Man konnte die Kiste anmachen und nachschauen: Ist da schon was? Nicht? Dann eben wieder ausmachen, später wieder einschalten. Wenn dann die nette Ansagerin erschien, wurde man erst einmal persönlich begrüßt. Viele ältere Leute grüßten damals noch zurück.

Und sahen sich dann Sachen an wie die oben angekündigte Einführung in die Physik. „Schulfernsehen“, die geballte Umsetzung des öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrages, verlagerte die ARD allerdings bald in die Dritten Programme, die für uns Kids deshalb damals wahre Horror-Sender waren – die Steiergerung der Langeweile.

Am Nachmittag gab es dann aber auch die wenigen Programmteile, die für uns relevant waren, bis Anfang der Siebziger nur Freitags und Sonntags, danach täglich rund zwei Stunden „Kinderstunde“, also für Heranwachsende geeignetes Programm. Die Zeiten waren festgelegt, der Tag entsprechend strukturiert: Medienkonsum war stringent ritualisiert.

Das galt auch für den Aufbau des Abendprogramms mit seiner Abfolge von Information und Unterhaltung. Irgendwann Ende der Siebziger wanderte der Sendeschluss über die magische Grenze von 24 Uhr hinaus, aber nur knapp: Es sollte noch mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis es wirklich so etwas wie ein „Nachtprogramm“ gab. Bei den öffentlich-rechtlichen Anstaltssendern endete der Sendetag mit höflichen Abschiedsgrüßen, letzten Nachrichten und natürlich der Nationalhymne – dann folgte abrupt das Testbild. Die ARD unterfütterte ihres mit dem aktuellen Radioprogramm, das ZDF piepte nur monoton vor sich hin. Vielleicht war schon damals die Zielgruppe so gereift, dass sie den hochfrequenten Ton aus Altersgründen gar nicht mehr wahrnehmen konnte? Sollte das ZDF schon damals damit begonnen haben, jüngere Zuschauer mit allen möglichen Tricks abzuschrecken?

Bestimmt nicht. Die Privaten brachten ab 1986 frischen Wind in diese Rituale, indem sie die Hymne vor Sendeschluss durch lustige Liedchen ersetzten, zu denen dann auch keine deutschen Monumente mehr gezeigt wurden, sondern die Sponsoren der Klamotten, mit denen man während des langen Programmtages die Ansager und Nachrichten-Vorleser als lebendige Werbeflächen drapiert hatte.

RTL – damals im Volksmund noch „RTL Plumps“ genannt – ersetzte den Piepton durch Stille – und blendete eine Uhr ein. Damit wurde das Testbild erstmals auch für Laien zu einer Art Nutzanwendung: man konnte seine Uhr danach stellen.

In Rückschau erscheint das alles irgendwie niedlich. Interessant ist es, weil es zeigt, wie sehr sich unsere Lebenstakte verändert haben. Im ritualisierten Medienkonsum spiegelte sich ja nur der erheblich stärker strukturierte Alltages-Ablauf. Takteten Medien unseren Tag, oder passten sie sich unserem Takt an? Auffällig ist, das vor allem im Anfang nur dann TV-Angebote gemacht wurden, wenn die meisten von uns Zeit dafür hatten – also in der „Freizeit“.

Es gab eine Zeit für die Zeitung (beim Frühstück, geliefert wurde im Zeitfenster zwischen 3 und 6:30 Uhr). Die ersten Nachrichten gab es, wenn die Industriearbeiter von der Frühschicht kamen. Wer Mittagschicht hatte, kam in der Regel pünktlich für die zweite Programmwelle im Abendprogramm ab 22 Uhr nach Hause. Nachtschichtler, die sowohl das Entertainment als auch die Nachrichten des Tages verpasst hatten, bekamen eine komprimierte Wiederholung am Morgen, wenn sie da schon wieder fit waren.

Das Ritual des Programms folgte also dem Lebenstakt. Es sorgte zudem dafür, dass eine große Masse Menschen die gleichen medialen Erlebnisse hatte. Verlaufen konnte man sich im Medienkonsum kaum. Auch das erzieherische Problem, für Kinder Medien-Zeitbudgets setzen zu müssen, gab es nicht: das Programm war kurz und für Kids zum größten Teil zum schreiend Davonlaufen uninteressant. Vor allem aber war Programm etwas, das endlich war. Spätestens ab dem Testbild wurde die Sache noch für die hartnäckigsten TV-Süchtigen uninteressant. Das Programm selbst aber besaß eine viel größere Wertigkeit: Verpasst bedeutete verpasst (und Warten auf eine Wiederholung), was jeder „Sendung“ Eventcharakter gab. War das alles besser?

Es war, wie es nun einmal war, es passte in seine Zeit. Ich empfinde das alles heute für mich persönlich als völlig überflüssig. Von mir aus kann TV-Programm ausschließlich on demand stattfinden. Ich brauche keine Sender mehr, keine Nachrichtensendungen, die mir zehn Häppchen zuwerfen, damit ich mich informiert fühle. Auf der anderen Seite aber ist mir bewusst, dass wir alle damit etwas verloren haben. Der Medienkonsum ist fraktalisiert, aufgesplittert in Hunderte von Kanälen, die minimale Grundversorgung per DVBT liegt bei rund 20 kanäle (der Rest sind Drittprogramme in überflüssiger, x-facher Ausführung). Viele von denen gehen mit ihrer Ware um, als würden sie selbst gar nicht wissen, was sie da senden.

Mit Serien beschicken uns RTL, Vox, ProSieben oder Sat1  nicht nur in einer Art Endlosschlaufe ständiger Wiederholungen, sondern auch noch in völlig erratischer Reihenfolge. Auf Staffel 4 folgt Staffel 1, Donnerstag gibt es dafür schon mal eine Folge aus Staffel 7, gefolgt von Highlights aus Staffel 3. Auch innerhalb der Serien, die oft aufeinander aufbauende Geschichten erzählen, pfeifft man auf Reihenfolgen. Ich habe im letzten Jahren mehrere Male erlebt, dass Serienfolgen wahrscheinlich versehentlich in zwei aufeinander folgenden Wochen einfach noch einmal gezeigt wurden. Mitunter sieht man Teil 2 vor Teil 1. Bei Kinofilmen fehlt oft nicht nur der Abspann, sondern auch die Schlussszene.

All das ist ätzend, weil es die Inhalte so offensichtlich entwertet hat. Vor allem aber wirkt der so gestreute, fraktalisierte Medienkonsum auch auf die Gesellschaft selbst zurück. Die Vielfalt lässt uns voneinander abrücken. Qualitative Gefälle vertiefen gesellschaftliche Gräben (z.B. zwischen Arte- und RTL2-Zuschauern). Wir verlieren unsere gemeinsamen Gesprächsthemen. Über Tatort oder „Wetten, dass“ könnte ich mit niemandem diskutieren: Sie gehören seit weit über zwanzig Jahren nicht mehr zu meiner Medienwelt. Ich sehe so selektiv fern wie wir alle, und immer öfter stelle ich fest, dass ich selbst innerhalb meines Freundeskreises kaum noch mediale Berührungspunkte finde.

Ist das schlimm? Es ist halt so.

Medien sind nicht alles, Anknüpfungspunkte für gemeinsame Freizeit und Gespräche gibt es zum Glück wie Sand am Meer – und die meisten sind da besser als Medienkonsum. Trotz steigender Mediennutzungsdauer nimmt deren Wichtigkeit beständig ab. Interessant finde ich daher, dass die Ausweitung von Programm und Senderzahl so offensichtlich mit einem Verlust an Bindung einhergeht – ans Ritual, ans Programm, an den spezifischen Sender.

Im Grunde stirbt das Konzept des Massenmediums Fernsehen, zumindest aber des „Senders“ daran, denn „on demand“ wird das alles irgendwann auf die Spitze treiben. Wir alle haben derweil schon etwas verloren: kollektive Erlebnisse, wie man sie heute allenfalls noch im Rahmen von Events wie der gerade laufenden Fußball-Europameisterschaft erlebt. Verloren geht also auch gesellschaftlicher Kitt: der universelle Stoff für den Smalltalk.

Früher gab es täglich kollektive Erlebnisse. Das unausweichlichste davon sah so aus: