Konnte ich mir nicht verkneifen: Fan-Kultur der besten Art

Ross Turnbull ist der Ersatztorwart von Chelsea, ein Mann der zweiten Reihe. Nach dem Liga-Abschlussspiel schaffte es dafür sein Sohn Josh, sich mit einem Traumtor in den Vordergrund zu spielen. Das bemerkenswerteste daran ist die Reaktion der Fans. Da geht einem echt das Herz auf: „Sign him on“, singen sie, „Gebt ihm einen Vertrag“.
Spitze – und auf dem Weg, das Youtube-Video der Woche zu werden. Alles Kopien eingeschlossen hat das Ding nach 48 Stunden schon über zwei Millionen Aufrufe.

Schland: Bilanz mit Lücke

Deutschland ist bei der EM ausgeschieden, sowas soll vorkommen. Verwunderlich fnde ich aber, dass nun niemand über Löw spricht. Die Spieler kriegen in Einzelkritiken ihr Fett weg, der Trainer aber scheint sakrosankt. Ich versteh das nicht.

Wir haben das Spiel gestern mit 16 Leuten gesehen, und die Aufregung begann schon, als die Aufstellung klar wurde. Löw hatte mal wieder die Nationalmannschaft von Bayern antreten lassen, ergänzt um ihm treu ergebene, nur leider reichlich formschwache Ex-Jungtalente wie Podolski. Die häufigsten Vokabeln, die vor und in der ersten Halbzeit fielen, waren bei uns „Vollausfall“ und „Pflegefall“ – und gemeint waren neben unser aller Prinz Poldi natürlich vor allem Gomez, Badstuber und Schweinsteiger.

In unserer Runde zumindest herrschte Konsens, dass Löws hochgelobte Personalentscheidungen nicht der Grund dafür waren, dass es „Schland“ bis ins Halbfinale gebracht hatte, sondern dass das der Mannschaft trotzdem gelungen war. Ihren stärksten Auftritt hatte sie, als Löw ausnahmsweise mal ein paar Nasen seiner Sommermärchen-Seilschaft auf der Bank ließ und Schürrle, Reus und (extrem kurz) Götze zum Zuge kommen ließ. Löw selbst scheint das nicht bemerkt zu haben und setzte stattdessen wieder auf seine „bewährten Kräfte“ vornehmlich bayrischen Stallgeruches. Es war über die ganze EM unser Thema Nummer 1.

In der Halbzeit scherzten wir noch, dass „Jogi“ jetzt wohl Müller und Klose bringen würde, um die Sache weiter zu verschlimmern. Tat er dann auch, und ließ mit Götze, Schürrle und auch Höwedes (fit auf jeder Verteidigerposition und Klassen besser als Badstuber) drei der besten Talente des Fußball-Landes weiter auf der Bank versauern. Müller blieb dann wieder ein unauffälliger Vollausfall, während Klose es geschickter machte: Er blieb einfach unsichtbar. „Pass auf“, sagte Kumpel Wolfgang  nach dem Spiel, „jetzt kommt endlich Kritik an Löw“.

Passierte aber nicht. Kein Ton, kein Mucks, nichts. „Waldi“, den Weißbier-Werber, schaut man sich in unseren Breiten dann gar nicht mehr an: Wie die Welt durch die Brille des öffentlich-rechtlichen Fanclub-Beauftragten von Bayern München aussieht, haben wir restlos über – auch da wäre endlich einmal eine Personaldebatte fällig.

So wie über Sankt Jogi. Der Reflex, bei Niederlagen den Kopf des Trainers zu fordern, ist natürlich auch bescheuert. Ihn aber in der kritiklosen Zone zu lassen, als trüge er einen Heiligenschein, ist nicht nachzuvollziehen. Man muss es klar sagen: Verloren hat die Nationalmannschaft nicht mit Pech, sondern unter anderem wegen offenkundiger Fehlentscheidungen des Trainers.

P.S.: Am Freitagvormittag legte SPON mit einer guten, sachlichen Analyse von Peter Ahrens und Rafael Buschmann vor.