Selektiv Sehen (I): Mangel an Abstand öffnet Perspektiven

Wie die Welt aussieht, hängt stark von der Perspektive ab, die man wählt. Kinder können das prächtig: Sie schauen konzentriert aufs Detail und entdecken Dinge, die wir meist nicht mehr bemerken. Am Morgen des 6. Januar ging ich zu unserem Gerätehaus im Garten, um etwas wegzupacken. Als ich mich aufrichtete, stieß ich mir fast den Kopf, weil ich die Dachkante vergessen hatte: So landete ich mit der Nase nur Zentimeter von der Dachpappe entfernt und schaute auf eine „Landschaft“ von Eiskristallen, quasi in Makro-Sicht.

Die Bilder unten zeigen, wie eine profane Dachfläche aussehen kann, wenn man den Abstand aufgibt.

Kleine, eisige Eier, auf denen Kristalle wachsen?
Abstand macht die Größe klar: Was auch immer das ist, es ist wirklich winzig.
Schräg über die Dachfläche hinweg fotografiert: Wie Pocken kleben die eisigen Bällchen auf der Dachpappe.
Es sind drei Tage alte Hagelkörner, über die der Raureif Kristalle hat wachsen lassen.

Eis, Eis, Baby

p1210965Eisblumen auf dem Südfenster meines Büros, Dienstag, 29. November, kurz nach Sonnenaufgang. Seit ein paar Wochen sitze ich mit meinem Schreibtisch unter dem Dach, wo früher meine Tochter ihr Zimmer hatte. Ich habe den Dachstuhl vor circa 15 Jahren ausgebaut und so gut isoliert, wie das zu der Zeit möglich war.

Erfahrung mit unzureichender Isolation hatte ich sehr früh gemacht: Auch meine Schwester und ich haben einen Teil unserer Jugend unter einem Dach verbracht. Den Ausbau – wenn man das so nennen will – hatte ich mit meinem Vater zusammen gemacht. Wir klemmten einfach Styroporplatten zwischen die Dachbalken und verschraubten darüber Pressspanplatten. Ging schnell: Rauhfaser drauf, streichen, fertig. Isolation war Mitte der 70er noch ein Fremdwort, das nicht unbedingt zum allgemeinen Sprachgebrauch gehörte. Die Standards waren einfach anders.

Auch die Fenster in den Dachschrägen waren anfänglich noch klassische, einfachverglaste Dachluken. Im Sommer schlief ich wegen der Hitze unterm Dachstuhl manchmal im Garten, im Winter wurde es zuverlässig kalt: Als Heizung hatten wir einen Elektro-Radiator, aber der kam gegen die Nacht nicht an. Das ist kein Jammern, denn ich habe das echt geliebt: Aufwachen, und das erste, was man sieht, sind die Eisblumen auf den Fenstern.

Ich vermute mal, sowas prägt. Bis heute heize ich weder das Schlafzimmer, noch mein Büro. In den Neunzigern hatte ich ein Dachbüro in einem Verlag, das bei den Kollegen im Sommer „die Müllhalde“ (wegen meiner spezifischen Form der Archivordnung) und im Winter „der Kühlschrank“ hieß. Ich mag das. Bei 14, 15 Grad laufe ich zu kreativer Höchstform auf.

Und natürlich sind mir Eisblumen noch immer die liebsten.

Nicht durcheinander: pünktliche Erleuchtung

„Machst Du bitte ein Feuer an?“, fragte mich mein Schatz gestern Abend, was mich persönlich ein bisschen aus dem Tritt bringt. Zum einen, weil ich im Juni nicht unbedingt auf die Vorhaltung von Brennstoff gepolt bin (die letzte Heizperiode war lang, im Holzständer herrscht tabula rasa), zum anderen, weil das meinen Biorythmus quasi empört. Wir nähern uns dem Juni-Ende, heute Abend wollen wir auf ein Open-Air-Konzert, und laut Wettervorhersage erwarten uns da 14 Grad, abfallend auf 13. Dafür gibt es immerhin eine 15-prozentige Chance, dass wir nicht klatschnass werden. Irgendwie lustig, nur auf Dauer nicht: Wenn ich das gewollt hätte, wäre ich mit 20 Jahren nach Neufundland ausgewandert. Liegt geografisch übrigens auf unserer Höhe, kann also noch werden.

Tief verborgen in der letzten Ecke des geräumten Holzständers lagen dagegen die frischen Schnitte des Maibaums, den wir gerade erst zerlegt haben. Birke, stand geschnitten 5 Wochen aufrecht und taugt daher zur Not auch schon für ein abendliches Feuer. Birke brennt ja immer.

Nicht immer brennen hingegen unsere heimischen Leuchtkäfer, vulgo Glühwürmchen. Die, erklären mir Wikipedia und andere Quellen, leuchten in unseren Breiten fast ausnahmslos im Juni, Juli, August und zwar von der „dritten Junidekade“ an. Gestern war der 23. Juni, und auf dem Weg zum Holzständer begegneten mir gleich fünf der Tierchen. Pünktlicher geht es nicht, Wetter hin oder her. Sieht so aus, als verbuchte Lampyris noctiluca den Wetterunsinn noch als Kapriole innerhalb der jahreszeitlichen Toleranzen. Meine sind da weniger ausgeprägt, aber ich werde versuchen, mir daran ein Beispiel zu nehmen.

Lampyris noctiluca: Ein Glühwürmchen mit einer Digitalkamera mit Autofokus zu fotografieren, ist gar nicht so einfach. Die Kamera hat nichts, worauf sie fokussieren kann. Hier sieht man zumindest, dass es manchmal besser ist, die Dinge im Dunkeln zu belassen: Als grün strahlender Punkt in der Nacht ist Lampyris eine Schönheit. Im Blitzlicht eher nicht.

 

 

Räumdienst: Ein deutsches Wintermärchen

Tatwerkzeug: Verwandelt weiße Flächen in Rutschbahnen

„So geht das aber nicht“, sagte mein Schatz am Abend, „Morgen musst Du früher aufstehen.“

Ich kenne diesen Satz seit Jahren. So, wie die Rufe der ziehenden Wildgänse am Himmel für mich den wahren Beginn des Herbstes markieren, signalisiert mir dieser Satz, dass nun der Winter wirklich begonnen hat. Für mich beginnt damit ein Wettlauf mit der Zeit, der von mir verlangen wird, dass ich in den nächsten Tagen jeden Morgen noch ein bisschen früher werde aufstehen müssen.

Der Grund ist Herr H.. Er ist mein Nachbar und ein total netter Kerl. Freundlich grüßte er gestern, als er an meinem Bürofenster vorbeizog und den Bürgersteig vor meinem Haus vom Schnee befreite. Es war kurz vor Mittag, ich tippte unter Zeitdruck an einer Geschichte, die wir nach Möglichkeit auf der Seite haben wollten, bevor die dpa mit einer entsprechenden Agenturmeldung kam. Herr H. hatte keine Deadline. Er ist Rentner.

Seine Arbeit war auch nicht schwer, denn mehr als 1-2 Zentimeter Schnee waren noch nicht gefallen, seit er die Bürgersteige das letzte Mal gesäubert hatte, kurz bevor bei mir der Wecker schellte. Mühseliger war dann schon, was er am Nachmittag leisten musste, kurz vor meinem Feierabend.

H. und ich helfen uns seit Jahren. Bin ich eher draußen, säubere ich seinen Bürgersteig mit, ist er eher draußen, erledigt er meinen. Bis vor zwei Jahren Frau F. gegenüber starb, machten wir das Grundstück der alten Frau noch mit. Nachbarschaft nennt man sowas, es ist gut und ein Zeichen für ein gesundes Sozialgefüge. Mein Problem ist nur, dass das jedes Jahr schnell ins Einseitige abkippt. Ich bleibe die Gegenleistung schuldig. Gegen H.s freie Zeitgestaltung bin ich leider chancenlos.

Es ist ein informeller Wettbewerb, natürlich. Schließlich haben wir uns das nicht ausgesucht, wir müssen ja. Als ich heute morgen in die Kälte trete, ist es noch stockfinster, doch der Schnee hellt alles auf. Vielleicht vier Zentimeter herrlich fluffig-klebriger Flocken sind über Nacht gefallen. Der Schnee dämpft die Geräusche der Vorstadt, und unter den Füßen knirscht er. Bis 7.30 Uhr bemühen wir uns, diese jungfräuliche, noch von keinem menschlichen Fuß berührte Fläche in die vorschriftsmäßig geräumte Eisbahn zu verwandeln, die wir aus versicherungstechnischen Gründen für unsere teutonische Pflicht halten.

Heute gelingt mir das, ich bin fertig, bevor irgendjemand aus dem näheren Umfeld auch nur die Badezimmerbeleuchtung angeworfen hätte. Nur schräg gegenüber ist schon alles geräumt, ich hatte das Kratzen gegen 5 Uhr gehört. Es mag zum heutigen Sieg in der Morgenetappe beigetragen haben.

An den neuralgischen Punkten schnell noch was Streu auf den Weg! Mit Schweiß auf der Stirn stütze ich mich nachher auf meinen Besen und betrachte mein Werk. Sieht richtig hässlich aus im Vergleich zum schönen Weiß drumherum.

Ich kann mir schon vorstellen, wie die Kinder auf dem Weg zur Grundschule nachher wieder auf der Straße laufen werden, weil das angenehmer ist. Wir haben hier keinen Winterdienst, was dazu führt, dass die Straße immer herrlich weiß bleibt, schick gerahmt von blankgeputzten Bürgersteigen.

Morgen, weiß ich, werde ich wieder ein wenig früher aufstehen müssen, denn bei den nächsten Schneeräumungen während des Tages wird mich H. wieder schlagen. Der Himmel hängt dunkel und schwer, da kommt heute wirklich was!

So wird das gehen, bis der Kipppunkt erreicht ist: Vorletztes Jahr habe ich den Bürgersteig einmal geräumt und H. dann kurz nach Sieben noch einmal, weil inzwischen so viel Schnee gefallen war, dass man meine nächtliche Räumung schon nicht mehr sah. Danach wusste ich, dass ich aufgeben durfte: Ohne eine generelle Invertierung meines Tag-Nacht-Rhythmus war dieser Wettbewerb nicht zu gewinnen.

Aber heute morgen bin ich Sieger. Und hundemüde.